Raketenflugplatz-Berlin Johannes Winkler Johannes Winkler wurde am 29. Mai 1897 in Schlesien, in Bad Carlsruhe (heute polnisch Pokoi) geboren. Der Sohn eines Tischlermeistes hatte sieben Geschwister. Winkler wuchs im Glauben der konservativen Altlutherischen Freikirche auf. Noch Schüler auf dem Gymnasium, meldete sich Winkler 1915 als Kriegsfreiwilliger zum Militär. Im März 1916 wurde er bei einem Angriff auf russische Linien schwer am Bein verwundet. Dies brachte ihm einen Zeit Lebens etwas schwerfälligen Gang ein. Nach mehreren Monaten im Krankenhaus, wurde Winkler in die Militärverwaltung übernommen und hatte dort die Gelegenheit, sein Abitur zu machen. Noch im Krieg nahm er ein Abendstudium Maschinenbau in Danzig auf, praktische Arbeiten erfolgten studienbegleitend in einem Konstruktionsbüro für U-Boote. 1920 musste Winkler sein Maschinenbau-Studium nach wenigen Monaten abbrechen und nahm etwas später ein Theologie-Studium auf. Nach dem Theologie-Examen im Oktober 1922 ging er in den Verwaltungsdienst der evangelischen Kirche und zog 1924 nach Breslau um. Winkler begeistert sich für Raketen In Breslau las Winkler mit Begeisterung den in einer Tageszeitung den in Fortsetzungen veröffentlichten Roman “Der Stein vom Mond” von Otto Willi Gail. Der Autor bezog sein Hintergrundwissen aus den Veröffentlichungen von Max Valier, der wiederum auf Hermann Oberth aufbaute. Skeptisch rechnete Winkler die Angaben Gails über den Flug zum Mond nach und war erstaunt, dass die Berechnungen stimmen mussten. Im Oktober 1926 schrieb er einen Brief an Hermann Oberth, in dem er erwähnt, sich inzwischen dessen Buch “Die Rakete zu den Planetenräumen” besorgt zu haben. Er bat Oberth um Literaturempfehlungen und fragte, ob der Bau einer Mondrakete schon in Angriff genommen sei. Nach Oberths Antwort, dass an den Bau einer Mondrakete noch nicht zu denken sei, da erst grundlegende Probleme des Antriebs geklärt werden müssten, begann Winkler mit einer eigenen Versuchstätigkeit. Er untersuchte Schubverläufe von kleinen Pulvertreibsätzen. Unterstützung fand er bei der Technischen Hochschule in Breslau. Eine Zeitschrift namens “Die Rakete” Johannes Winkler hatte hin und wieder religiös motiverte Texte in kirchlichen Mitteilungsblättern veröffentlicht. Ab 1927 erschienen Artikel von ihm zu Raumfahrt-Themen in der “Deutschen Jugendzeitung” ein kirchennahes Mitteilungsblatt, dessen Herausgeber er war. Mit der Ausgabe vom 15. April 1927 ging Winkler mutig einen Schritt weiter. Er teilte den Lesern mit, er werde seine Publikation umbennen. Der neue Titel “Die Rakete” war natürlich ein Bezug auf das Buch von Oberth. Die erste Ausgabe der “Rakete” erschien am 15. Juli 1927. Damit hatte Johannes Winkler die weltweit erste Zeitschrift für Raketentechnik und Weltraumfahrt gegründet. Winklers Versuche zur Flüssigkeitsrakete Der Wunschpartner für deutsche Raketenforscher war der Junkers-Flugzeugbau in Dessau. Das Unternehmen produzierte erfolgreich Ganzmetall-Flugzeuge und exportierte diese in alle Welt. Ab September 1929 arbeitete Winkler bei Junkers an der Schaffung von Starthilferaketen. Geheimnisvoll verlautbarte er, dass er die Arbeit an Raketen bei einem großen Unternehmen aufgenommen habe, aber weder den Namen der Firma noch das Ziel seiner Arbeit nennen dürfe. Bei Junkers hatte man sich schon seit 1925 (erfolglos) an Starthilferaketen versucht. Max Valier hatte die Firma in diesem Jahr auf den Raketenantrieb aufmerksam gemacht, galt aber nicht als seriöser Forscher. Als Autor von Fachartikeln in der “Rakete” hatte sich dagegen Winkler offenbar für die Arbeit bei Junkers empfohlen. Junkers steckte zu dieser Zeit aber in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. So konnte Winkler nur auf bescheidene Mittel als Anhängsel an die Junkers-Motorenentwicklung zurückgreifen. Etwa ein Jahr lang befasste sich Winkler mit Grundlagenversuchen und führte Brenntests mit Benzin und Flüssigsauerstoff durch. Schübe von 20 kp, gelegentlich sogar 50 kp wurden erreicht. Bis März 1931 arbeitet er danach an einem Starthilfe- Triebwerk mit 250 kp Zielschub und lagerfähigen Treibstoffen. Sein Ziel war ja aber nicht ein Starthilfeaggregat, sondern eine fliegende Rakete. Mit finanzieller Unterstützung durch den Fabrikanten Hugo Hückel begann Johannes Winkler ab dem Sommer 1930 mit privaten Versuchen. Er mietete eine kleine Werkstatt an und beschäftigte einen Mechaniker namens Richard Baumann. Die HW1 fliegt Seine erste Rakete, HW1 (Hückel-Winkler 1) war mehr ein fliegendes Testgerät. Das Triebwerk war oben zwischen drei Tankröhren angebracht. Winkler übernahm hier den Irrtum Oberths und des Raketenflugplatzes (und Robert Goddards) von der angeblichen Selbststabilisierung von Kopfbrennern. Schon frühzeitig scheint Winkler auch den Kontakt zum Militär gesucht zu haben. Der Start erfolgte auf einem Militärgelände bei Dessau-Großkühnau. Auf Fotos ist mindestens ein Reichswehrangehöriger in Uniform an der HW1 zu sehen. Beim ersten Startversuch am 21. Februar 1931 flog die HW1 gerade drei Meter hoch. Nach einigen Verbesserungsarbeiten legte die HW1 am 14. März 1931 etwa 200 Meter Flugstrecke zurück, die größte erreichte Höhe wurde mit 60 Metern geschätzt. Stolz veröffentlichte Winkler seinen Erfolg “als Geburts- stunde der Rakete” in Unkenntnis der Versuche von Robert Goddard in den USA ab dem 16. März 1926, der seine Flüge geheim gehalten hatte. Zwar hatte Winkler in der letzten “Rakete” vom Dezember 1929 mitgeteilt, es sei “wenn auch nicht öffentlich” eine Rakete für flüssige Treibstoffe gestartet worden. Dabei kann es sich nur um einen Bezug auf die Mitteilung von Max Valier über die beiden im April 1929 von Friedrich-Wilhelm Sander mit Unterstützung durch Fritz von Opel gestarteten Flüssigkeitsraketen handeln. Vermutlich hatte Winkler 1931 mittlerweile Zweifel an den Flügen, da weder von Opel, noch Sander irgendwelche Informationen herausgaben. So musste Winkler an den weltersten Flug einer Flüssigkeitsrakete glauben. Da hier aber unabhängige Zeugen vor Ort waren, handelte es sich mit Sicherheit um den ersten öffentlich bekannt gewordenen Flug einer Flüssigkeitsrakete. Ein Kamerateam der Wochenschau war anwesend, doch die Aufnahmen wurden nicht in den Kinos gezeigt, da sie vermutlich nicht spektakulär genug waren. Eine geänderte Ausführung seiner Rakete mit schräg stehenden Flossen nannte Winkler HW1a. Am 7. März 1931 bei Junkers ausgeschieden, besuchte Professor Hugo Junkers mit seiner Tochter dennoch persönlich den Start der HW1a im April 1931, die leicht rotierend genau senkrecht 90 m aufstieg. Johannes Winkler machte sich anschließend an den Bau einer anspruchsvollen Höhenforschungsrakete, seiner HW2. Links: Die bisher in der “Deutschen Jugendzeitung” erschienenen Raumfahrtartikel wurden in einem Ergänzugsheft zusammengefaßt. Mit der Nummer “Die Rakete” vom 15. Juli 1927 wurde die erste Raumfahrtzeitschrift der Welt veröffentlicht. Startvorbereitungen am 6. Oktober 1932 an der Ostsee bei Pillau durch Winkler und Bermüller. Oben an der Spitze ist der Barograph zu sehen. Ein Verein für Raumfahrt-Forscher Max Valier hatte schon lange in Briefen und Gesprächen dafür geworben, alle, die in Deutschland, und sogar international, an der Verwirklichung der Raumfahrt arbeiteten zusammen zu bringen. In der ersten Ausgabe der “Rakete” vom 15. Juli 1927 begann die erste Seite: “Auf Anregen von Herrn Max Valier München, fand am 5. Juli 1927, nachmittags 6 ½ Uhr, zu Breslau im Goldenen Zepter, Schmiedebrücke 22. die Gründungsversammlung eines Vereins für Raumschiffahrt E.V. statt. Herr Valier ist zu überlastet, um den Verein selbst gründen zu können, und ist deshalb an den Herausgeber der Rakete herangetreten mit dem Ersuchen, nunmehr einen Zusammenschluß vorzunehmen. … Als erstes Ziel der Arbeit beabsichtigt Herr Valier, in ein Leichtflugzeug verhältnismäßig einfache Raketen einzubauen und - vielleicht noch in diesem Sommer - durch einen neuen Höhenrekord für Flugzeuge die Brauchbarkeit des Reaktionsprinzips der Öffentlichkeit zu beweisen. Außerdem hat sich Herr Neubert, München, bereit erklärt, als erster mit einem reinen Raketenapparat aufzusteigen. Es bedarf dazu freilich bereits eines gut durchkonstruierten Raketenapparates.” Damit waren die Ziele des Vereins klar nicht nur auf allgemeine Werbung für den Raumfahrtgedanken oder auf theoretische Diskussionen festgelegt, vielmehr sollten durch Mitglieder auch praktische Versucharbeiten durchgeführt werden. Obwohl die Absicht der Vereinsgründung schon in der “Deutschen Jugendzeitung” angekündigt worden war, fanden sich die für einen solchen Akt notwendigen sieben Mitglieder aus dem Kreis der Raketenforscher nicht zusammen. Die meisten der Gründungsmitglieder scheinen aus dem kirchlichen Umfeld von Johannes Winkler zu stammen. Doch nach und nach konnten ernsthafte Raketenforscher aus Deutschland und sogar aus dem Ausland als Mitglieder gewonnen werden. Die Mitgliederzahl erreichte mit einem Höchststand von etwa 700 Personen für eine solche Spezialgruppe zwar einen erstaunlichen Umfang, konnte jedoch das Ziel, aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden Forschungsarbeiten zu finanzieren niemals auch nur annähernd erreichen. Die ab 1930 auf dem “Raketenflugplatz Berlin” geleisteten Arbeiten fanden nicht im Namen oder unter der Regie des Vereins statt, sondern in einer von Rudolf Nebel geschaffenen Grauzone. Das Ende der “Rakete” Etwa zweieinhalb Jahre war “Die Rakete” die Bühne, auf der sich Raketenforscher austauschten. Leider lief dieser Austausch letztlich auf ein Kompetenzgerangel und einen kleinlichen Streit hinaus, wer wann was als erster erfunden oder erwähnt habe. Johannes Winkler, der sich vermutlich als Vereinsvorsitzender und Herausgeber des Fachmagazins einen wichtigen Einfluß in Raumfahrtkreisen versprochen hatte, wurde zur Randfigur. Enttäuscht stellte er die Herausgabe der “Rakete” nach der Ausgabe Dezember 1929 ein. Nicht nur die Zänkereien der Mitglieder, auch finanzielle Schwierigkeiten, die innerhalb des Vereins Kritik an seiner Arbeit laut werden ließen, führten zur Einstellung der Publikation. In der letzten Ausgabe führten Hermann Oberth und Franz von Hoefft ihren erbitterten Zwist weiter und hinter dem Bericht über den ersten großen Weltraumfilm “Frau im Mond” konnte der Artikel von Winkler über die Einspritzung von Treibstoffen gegen die Strömungsrichtung in der Brennkammer die Seriösität der Zeitschrift nicht retten. Schon im Herbst 1929 hatten Mitglieder darauf hingearbeitet, den Vereinssitz von Breslau (also von Winkler weg) nach Berlin zu verlegen. Ab November 1930 übernahm schließlich Hermann Oberth den Vorsitz des Vereins, nach dessen Vereinsaustritt im Mai 1931 blieb der Posten erst einmal unbesetzt, ab Dezember 1931 wurde dann Hans-Wolf von Dickhut Vorsitzender. Johannes Winkler war damit nur noch ein ganz normales Mitglied ohne besondere Funktion und lebte weit ab vom eigentlichen Vereinsgeschehen. Die erste Flüssigkeitsrakete von Johannes Winkler flog am 14. März 1931 bei Dessau und erreichte eine Höhe von etwa 60 Metern. Die Bilder zeigen einen Nachbau im Hermann-Oberth-Raumfahrtmuseum in Feucht. Rechts oben: Die Druckflasche für die Treibstoff- Förderung. Der Ventilhebel liegt in der “Geschlossen”- Position nach rechts. Rechts  unten: Die Zündung des Methan-Sauerstoff- Gemisches erfolgte mit einer Zündkerze hinter der Düse. HW1: Die erste öffentlich geflogene Flüssigkeitsrakete der Welt Ganz links: Winklers HW1a steht heute im Deutschen Museum in München. Links und oben: Der Finanzier Hugo Hückel übte Druck auf Winkler aus, mit seinen Versuchen zur HW2 zum Raketenflugplatz Berlin umzuziehen. Ab Oktober 1931 arbeitete Winkler dort in einer abgelegenen Baracke mit seinem Helfer Hans Bermüller ohne Kontakt zu den Berliner Raketenleuten zu suchen. Höhenforschungsrakete HW2 Der Entwurf der HW2 weist eine gewisse Ähnlichkeit zur UfA- Rakete von Hermann Oberth aus dem Jahr 1929 auf. Die HW2 ist mit 190 cm Länge auch etwa ungefähr so lang, aber bauchiger und hat nur drei sehr klein geratene Flossen. Als Treibstoffe wählte Winkler wieder flüssiges Methan und Flüssigsauerstoff. Die Drucksteigerung durch Verdunstung der beiden Stoffe sollte die Treibstoff-Förderung übernehmen. Der von Hugo Hückel geforderte Umzug von Dessau zum Raketenflugplatz Berlin erfolgte ohne große Begeisterung im Oktober 1931. Auch die Berliner erhielten Geld von Hückel und er wollte hier vermutlich die Arbeiten bündeln. Dennoch blieben die Berliner und Winkler mit seinen Assistenten Hans Bermüller und Rolf Engel zwei getrennte Mannschaften. Nicht einmal den Flüssigsauerstoff holte sich Winkler vom Raketen- flugplatz, sondern suchte sich eigene Quellen. Beide Seiten schienen nicht sonderlich bemüht, einen Erfahrungsaustausch durchzuführen. Rolf Engel, der seinen Kollegen, Heinz Springer, zu Winkler als weitere Assistenten dazuholte, bemängelte später Winklers Arbeistweise: “Warum etwas einfach machen, wenn es auch kompliziert geht?” Ferner sei Winkler unerschütterlich davon überzeugt gewesen, wenn er sich theoretisch etwas überlegt habe, dann würde es in der Realität genauso funktionieren. Von den intensiven Testarbeiten des Raketenflugplatzes hielt Winkler nichts. „Wenn es einmal geht, geht es immer – jedenfalls bei mir“. Er habe sich nur zu zwei kurzen Brenntest des Triebwerks von etwa zusammen 25 Sekunden überreden lassen. Dabei seinen etwa 12 kp Schub erreicht worden. So machte sich Winkler mit Bermüller, Engel, eventuell auch Springer und der HW2 auf an die Ostsee. Der erste gewählte Startort, die Insel Greifswalder Oie, konnte nach einem Verbot staatlicher Stellen nicht genutzt werden. So ging man an die Küste weiter östlich an die Frische Nehrung nahe Pillau. Dies habe das Reichswehr- ministerium vorgeschlagen. Winkler erhielt sogar Geld für den Transport und Schiffe der Marine beobachteten den Start von See aus. Auch hier waren Reichswehrangehörige vor Ort. Sogar Major und Professor Carl Cranz von der Technischen Hochschule Berlin, Autor des renommierten Werkes “Lehrbuch der Ballistik” war persönlich angereist. Zwei Assistenten von Cranz beschäftigten sich auf sein Geheiß gerade intensiv mit Raketen: Die Hauptmänner Walter Dornberger und Ritter von Horstig. Johannes Winkler auf der Greifswalder Oie an der HW2, hinter der Klappe liegen die Ventile. 1 - Barograph und Fallschirm 2 - Sauerstofftank 3 - Druckmesser 4 - Methantank 5 - Brennkammer 6 - Auströmdüse 7 - Luftflossen Seltene Aufnahmen vom Startversuch der HW2 am 6. Oktober 1932 aus der Sammlung des Historikers Martin Frauenheim. Die Bilder stammen von einer Seite aus Winklers Fotoalbum. Ganz oben: Winkler notiert “Major Cranz RWM zur Inspektion bei mir” Oben: Ein optimistischer Winkler kurz vor dem Start. Beachtenswert sind die Wellen als Index für den Wind. Die HW2 explodiert Der erste Startversuch am 28. September 1932 mußte wegen eines Methanlecks abgesagt werden. Zahlreiche Beobachter hatten sich am Strand eingefunden, darunter auch eine Filmmannschaft. Am 6. Oktober wurde es ernst. Sicherheitshalber hatte Engel den Innenraum der Rakete mit Kohlensäure durchgespült, um eventuelle Leckgase der Treibstoffe hinauszublasen. Winkler bezeichnete die HW2 recht optimistisch als “20-km-Rakete”, laut Engel war (mit reduzierter Tankfüllung) eine Steighöhe von mindestens 5000 bis maximal 7000 Metern geplant. Damit hätte eine Flüssigkeitsrakete die damalige Maximalflughöhe der Feststoffraketen von 4000 Metern übertroffen. Beim elektrisch betätigten Öffnen der Ventile ereignete sich eine Explosion, welche die Rakete mehrere Meter hoch und weit aus dem Startgestell schleuderte. Winklers später abgegebene Erklärung, es seien nicht mehr Gase explodiert, als im Chemieunterricht einer Schule zur Demonstration gezündet werden, kann nur als Schutz- behauptung gewertet werden. Die gesamte Metallhülle der Rakete wurde abgerissen. Da der Körper mehrere Meter hochflog, ist zu vermuten, dass sich Leckgase nicht nur zwischen den Tanks sondern auch im Triebwerk und unter der HW2 gesammelt hatten. Die Überdruckleitungen der Tanks bliesen die Gase ja durch das Triebwerk aus. Oben: Ein Beobachter fotografierte die Explosion der HW2 aus sicherer Entfernung. Rechts: Zum Löschen des Brandes wurde Sand auf die Trümmer geworfen. Hans Bermüller (hinten) und ein unbekannter Mitstreiter schauen sich das Debakel an. Hinten links liegt das zerstörte Startgestell. Dies sind ebenfalls zwei seltene Aufnahmen aus Winklers Fotoalbum, die freundlicherweise der Historiker Martin Frauenheim zur Verfügung stellte. Hückel-Winkler HW2   (Angaben nach Rolf Engel) Länge: 190 cm Durchmesser max. 40 cm Flüssig-Sauerstoff 32,0 kg flüssig. Methan: 4,0 kg Triebwerk: 1,7 kg Tanks, Ventile, Rohre: 5,3 kg Verkleidung, Flossen: 2,5 kg Nutzlast (Barograph) 0,5 kg Brennkammerdruck: 9 atü Brennzeit: 49 sec Mittlerer Schub: 96 kp Brennstoffverbrauch: 8 kg/sec Struktur: 9,5 kg Nutzlast: 0,5 kg Treibstoff gesamt 36,0 kg Beim Start am 6. Oktober 1932 soll die HW2 nicht voll aufgetankt gewesen sein. Der angegebene Brennstoff- verbrauch kann nur der Anfangswert sein, danach fällt ja der Förderdruck stark ab. Ob die ungesteuerte HW2 wirklich zum Fliegen gekommen wäre, ist fraglich. Das Startgestell hätte die Rakete schon freigegeben, wenn sie einen Millimeter abgehoben wäre. Die drei winzigen Flossen wären kaum in der Lage, den Flugkörper zu stabilisieren, schon garnicht bei niedrigen Geschwindigkeiten. Da war Oberths UfA-Rakete mit ihrem Startgestell und großen Flossen wesentlich kompetenter entworfen. Die vier Startversuche mit dem Aggregat A3 von der Greifswalder Oie im Dezember 1937 zeigten, dass trotz (zu schwacher, aber vorhandener) Strahlruder- Steuerung, eine gerade gestartete Rakete erheblichen Windeinflüssen ausgesetzt ist. Weitere Arbeiten von Johannes Winkler Der Rückschlag durch den Fehlstart der HW2 konnte Winkler nicht entmutigen. 1932 veröffentlichte er sein Raketenbuch “Der Strahlmotor”, in welchem er grundlegende Formeln und Begriffe der Raketentechnik darlegte. Unter all den Formeln geht eine für Winkler wichtige Idee fast unter. Wie er es gegenüber Rolf Engel einmal formulierte, wolle er den “Dritten Weg zur Raumschiffahrt” gehen. Der erste Weg ist dabei, wie von Oberth postuliert, die Konstruktion und Erprobung von immer größeren Raketen. Der zweite Weg ist die von Valier vorgeschlagene Weiterentwicklung von herkömmlichen Flugzeugen zu Raketenflugzeugen und  schließlich zu Raumfahrzeugen. Winkler schlug vor, eine einfache “Standard-Rakete” zu schaffen, die sehr zuverlässig sein sollte. Für höhere Leistungen würden dann mehrere Standard-Raketen gebündelt und in Stufen aufeinandergestellt werden. Ab Mitte August 1933 arbeitete Winkler wieder bei Junkers und war bis Herbst 1935 mit der Entwicklung eines Triebwerks für 250 kp Schub und 12 Sekunden Brenndauer mit Flüssig- sauerstoff und Methan befasst. Ab Herbst 1935 forschte er bei Junkers zu einem „Plattenbrennraum mit 10 000 kg Schub, Untersuchung eines Teilstücks daraus von 5 kg Schub“ Ab Herbst 1936 dann „Entwicklung einer Brennraumbatterie für 10 000 kg Schub, zusammengesetzt aus 100-kg-Einheiten“. Eventuell handelt es sich etwas schwammig formuliert um ein Raketen-Bündel. Ab Herbst 1937 bis Herbst 1938 Entwicklung eines „1000-kg- Rückstoßers für 30 000 skp mit 10 Einheiten a 100 kg oder 1 Einheit von 1000 kg Rückstoß. Betrieb mit Benzin, Flüssigsauerstoff und Wasser.“ Ende 1938 verließ Winkler die Firma Junkers, um ab dem 1. April 1939 bis 31. März 1941 als selbständiger Forscher bei der Luftfahrtforschungsanstalt Hermann Göring (LFA-HG) in Braunschweig anzutreten. Der Entwicklungsauftrag in Braunschweig lautete: „kleinere Einheit für 100 kg Rückstoß“, also vermutlich die Weiter- betreibung der vorher bei Junkers begonnenen Arbeiten. Jedoch wurden diese Versuche abgebrochen. Danach begann die Entwicklung eines Antriebes mit flüssigem N2O (Lachgas) und Benzin. Ab 1. April 1941 bis zur Besetzung durch britische Truppen Ende April 1945 wirkte Johannes Winkler als Abteilungsleiter im Institut für Gasdynamik der LFA-HG. Gegen Kriegsende war er wohl auch mit dem Projekt einer akustisch gesteuerten Flugabwehrrakete („Torpedo“) befasst. Ab 1945 wurde Winkler in die In Braunschweig laufenden Staustrahl-Triebwerks- Entwicklungen eingespannt. Brennversuche erfolgten mit festem Kohlenstoff und Luft. Winklers Standard-Rakete aus dem Bericht für britische Militärstellen 1947: Länge 14 m, Durchmesser 0,30 m, Schub 10 Tonnen und Druckgasförderung. 1932: Zweistufenrakete aus gebündelten Standard-Raketen Einer Kommandierung zum Volkssturm konnte sich Winkler aus gesundheitlichen Gründen entziehen. Nach der Kapitulation fertigte er für die britischen Truppen Berichte über seine Arbeiten an. Besonders sollte seine Arbeit über “Zusammengesetzte Rakten” nochmals erwähnt werden, ein Ansatz, den Winkler immer als seinen Weg in den Weltraum ansah. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP (seit 1937) und als förderndes Mitglied der SS (seit 1933) wurde von den Siegermächten erfasst, Winkler aber als Mitläufer eingestuft. Er versuchte sich als Ingeneur und Vortragsredner über Wasser zu halten. In der schweren Nachkriegszeit erkrankte Johannes Winkler und starb am 27. Dezember 1947. Uwe W. Jack Rudolf Nebel Wernher von Braun Klaus Riedel